Mittwoch, 14. Oktober 2015

Der alte Baum

Als der Kirschaum noch jung war, stand er mit vielen anderen Bäumen in einem großen Garten. Die Sonne schien auf seine Früche, färbte sie dunkelrot und machte sie süß und lecker.
Im Herbst zauste der Wind seine abgeernteten Zweige.
Im Winter deckte der Schnee seine kahlen Äste zu und ließ ihn
bis zum Frühjahr schlafen.
Im Frühjahr ließ die Sonne seine schwellenden Knospen aufspringen, bis er voller Blüten in seiner ganzen Schönheit im Garten stand.
Er wurde der größte und schönste Baum in der ganzen Umgebung.
Die anderen Bäume schauten voller Ehrfurcht zu ihm auf und flüsterten sich im Wind Geschichten über seine Schönheit zu.

Jahre gingen ins Land und er schenkte den Menschen die ihn pflegten in jedem Spätsommer zentnerweise süße Kirschen.
Die anderen Bäume die ihn so bewundert hatten wurden nach und nach gefällt und er verabschiedete jeden mit seinen harzigen Tränen.
Neue Bäume wuchsen in seiner Nähe.
Sie schauten voller Ehrfurcht auf den Baumriesen und richteten nur selten scheu das Wort an ihn.
So wurde der Baum älter.
Die Kraft verließ ihn langsam. Immer mehr Zweige starben und er wurde immer schwächer.
Eines Tages wuchs ein junger Efeu an seiner Rinde hoch.
Verwundert schaute er dem vorwitzigen Sproß zu, wie er sich an seinem Stamm festhielt und luftige Höhen anstrebte.
Wenn der Wind nun  seine kahlen Äste zauste erzählten ihm die raschelnden Efeublätter kurzweilige Geschichten.
Nach einigen Jahren hatte der Efeu den ganzen Baum mit seinen Trieben umhüllt.
Der Baum war alt und müde geworden aber er erfreute sich an den Vögeln, die nun wieder wie früher in seiner efeubewachsenen Krone nisteten, und an den Insekten die bei ihm Schutz suchten.
Der Efeu war sein bester Freund geworden und als der alte Baum schließlich starb, umhüllte sein Freund den toten Stamm und bereitete ihm ein Grabmal.
So blieb der Baum in der Erinnerung der Menschen lebendig und die anderen Bäume erzählten sich wispernd Geschichten über ihn.
G. Geck-Grantz

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